Die letzten Zeugen
 
 

Wolfgang Polak: Als Kind eines jüdischen Vaters in Westerbork gefangen – die Mutter kämpfte im Widerstand gegen die Nazis



Wolfgang Polak wurde am 21. Januar 1934 in Dortmund in Nordrhein-Westfalen geboren. Sein Vater, Leiser Leopold Polak (geb. 1889), stammt aus einer traditionellen jüdischen Familie aus Papenburg in Niedersachsen. Die 1909 in Dortmund geborene Mutter, Hildegard Wilhelmina (geb. Krause) stammte aus einer christlichen Familie. Im Zuge der Heirat konvertierte sie zum Judentum. 1938 zwangen die Nationalsozialisten die Familie Polak, aus ihrer Wohnung in der Zabernstraße am Südwestfriedhof im Dortmunder Süden in ein Judenghetto im Norden der Stadt umzuziehen. Wolfgang war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt, sein 1937 geborener Bruder Joachim („Achim“) noch ein Baby. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten die Wohnung der Familie in der Nordstraße und warfen Möbel aus dem Fenster.



Wolfgang Polak erinnert sich: „Das weiß ich genau, dass ich mit meiner Mutter auf der Treppe saß, mein Bruder daneben und wir waren da in Panik“. Dem Vater gelang die Flucht zu Bekannten, bei denen er sich verstecken konnte. Nach einigen Tagen flohen die Polaks gemeinsam nach Bocholt und gelangten von dort aus mit Hilfe von Schmugglern in die benachbarten Niederlande. „In Aalten wurden wir dann aufgenommen bei sehr netten jüdischen Menschen“, berichtet der 91-Jährige im Interview. Die Polaks wohnten dort in einer Gartenlaube. Später zogen sie nach Rotterdam, wo sie etwa ein halbes Jahr lang auf einem alten Schiff lebten, das als Flüchtlingslager fungierte. „Wir dachten immer, dass wir Aussicht hatten, eine Passage nach Amerika zu kriegen da in Rotterdam, aber man musste viel Geld haben und das hatten wir nicht. So ist uns das nicht gelungen“. Später wurde die Familie für einige Monate in einem Hotel einquartiert. „Da waren die Deutschen noch nicht da, da hatten wir alle Hoffnung – Holland war neutral - dass wir da irgendwie gut überleben konnten“. Wie die Familie nach Amsterdam kam, weiß Herr Polak nicht mehr. Er erinnert sich aber, dass sie mit Gepäck dort hinreisten und sich auf Anweisung der Deutschen in der Beethovenstraße melden musste. Das war 1940, nachdem Deutschland die Niederlande erobert hatte. „Dann waren wir da im Garten und da waren noch viele jüdische Menschen und dann waren wir dann ein paar Stunden und dann sind wir nach Westerbork.“ Er erinnert sich an die Baracke mit zwei Zimmern, in der die Familie untergebracht war: „Und in den Zimmerchen waren die Betten übereinander“ (…) In der Mitte war so ein Gemeinschaftsraum, wo gegessen wurde oder wir mussten schon mal Essen holen in der Garküche“. „An die Schule erinnere ich mich nicht viel. Ich weiß nur noch, dass ein Foto gemacht wurde von uns“. Der 91jährige erinnert sich bis heute an das schwarze Kästchen, mit dem das Foto gemacht wurde. Knapp zwei Jahre war die Familie in Westerbork gefangen. Seine Mutter weigerte sich, sich, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen. Wolfgang Polak und sein Bruder waren Kinder einer so genannten „Mischehe“. „Meine Mutter (…) hat das auch hingekriegt, dass wir auch entlassen wurden.“ Zum Abschied aus Westerbork erhielt er von seiner Freundin Alice ein Buch mit dem Titel „Das Teddybuch“ von Josephine Liebe geschenkt. Das Buch mit der Widmung „Zur Erinnerung an Deine Freundin Alice Adler 13.7.42.“ besitzt der Holocaust-Überlebende noch heute. Alice Adler überlebte die Nazizeit nicht. Wie 102.000 andere Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma wurde sie vom KZ Westerbork aus zur Ermordung nach Osteuropa und nach Bergen-Belsen geschickt. Mitte Juli 1942 kamen die Polaks nach Amsterdam. Dort mussten sie sich eine Wohnung mit anderen Menschen teilen.



Die Zeit dort hat Wolfgang Polak als besonders grausam in Erinnerung: „Mein Vater musste sich mindestens einmal die Woche bei der SS melden. Er wurde öfter verhaftet. Dann hat meine Mutter ihn wieder rausgeholt – einmal sogar vom LKW rausgeholt“. Auch seine Mutter musste unzählige Male im Hauptquartier der SS in Amsterdam erscheinen. Insbesondere den so genannten „Hungerwinter“ in den Niederlanden 1944/45 erinnert sich Wolfgang Polak gut. „Da gab’s gar nix zu Essen. Man hatte zwar so Karten, dass man mini mini was kriegte, aber es gab nichts. (…) Ich weiß noch genau: Wenn man über die Straße ging, da fielen die Leute um vor Hunger“. Seine Mutter fuhr mit dem Fahrrad aufs Land und versuchte, Wertgegenstände gegen Lebensmittel zu tauschen. Sie schloss sich dem antifaschistischen Widerstand an und versorgte mit gefälschten Essensmarken nicht nur ihre Familie, sondern auch versteckte jüdische Menschen im Untergrund. Nach Kriegsende ging die Familie zurück nach Deutschland. Gemeinsam mit seinem Bruder betrieb Wolfgang Polak mehr als zwanzig Jahre lang einen Autozubehörhandel in Dortmund. Der Vater starb 1959 im Alter von 70 Jahren, die Mutter starb 83-jährig im Jahr 1992. Beide Eltern sind in Dortmund beerdigt. Jahrzehnte lang engagierte sich Wolfgang Polak in der jüdischen Gemeinde Dortmund und half neu zugewanderten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, sich in der neuen Heimat einzufinden. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Gemeinde. Der Fußballban und ist seit mehr als sechzig Jahren Vereinsmitglied von Borussia Dortmund und fungierte dort zeitweise als Vizepräsident. In der jüdischen Gemeinde Dortmund ist ein Saal nach ihm benannt. Für sein Engagement erhielt er 1923 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Wolfgang Polak ist Vater von drei Kindern und hat mehrere Enkelkinder. Er spricht Deutsch und Niederländisch. Auf die Frage, wie sich Deutschland in den vergangenen Jahren politisch entwickelt hat, Stichwort AfD antwortet er: „Es ist unbegreiflich, dass die Deutschen unbelehrbar sind. (…) Dass es drin ist und dass man es gar nicht raus kriegt. Unbegreiflich. Die wissen, was passiert sind und wollen trotzdem wieder diese Richtung einschlagen. Ich will nicht sagen, dass alle so sind, waren früher auch nicht alle so, aber die werden mitgezogen und lassen sich mitziehen.“ Seine Botschaft für die nachfolgenden Generationen: „Wichtig ist die Freiheit – dass man ne Freiheit hat, dass man nicht in Systeme reinkommt, wo die Freiheit verloren geht – dann ist das ganze Land verloren.“

Anmerkung und Danksagung: Die Lebenspartnerin des Zeitzeugen, Tirzah Haase, lernte im Jahr 2025 durch eine Fügung die damals 90-jährige Holocaust-Überlebende Eva Weyl kennen, die wie Wolfgang Polak in Westerbork interniert war. Frau Haase vermittelte den Kontakt zwischen den beiden Holocaust-Überlebenden. Es stellte sich heraus, dass Eva Weyl im Besitz eines Fotos ist, das Eva Weyl und Wolfgang Polak neben anderen jüdischen Schülerinnen und Schülern im Jahr 1942 im KZ-Lager Westerbork zeigt. Das Foto ist in Birgit Mairs 2023 erschienenen Buch „Die letzten Zeuginnen und Zeugen – Meine Arbeit mit Holocaust-Überlebenden“ abgedruckt. Den Kontakt zu Wolfgang Polak stellte Eva Weyl her. Hierfür möchte ich mich herzlich bedanken. Am 22. Mai 2026 besuchte ich Wolfgang Polak seiner Wohnung in Dortmund führte ein Interview mit ihm durch. Die Zitate aus diesem Text stammen aus dem Interview. Vielen Dank an Herrn Polak für den herzlichen Empfang und die Offenheit.

Birgit Mair am 10. Juni 2026
 
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